Da hast du ewig an deinen Charakteren gefeilt, bis ins Detail überlegt, welche Rolle sie spielen, wie sie aussehen, in Bezug zueinander stehen und vieles mehr.
Während des Schreibens bist du in einen Rausch verfallen. Du hast in die Tasten gehämmert, die Mimik gesehen, die Haltung – wie der Prota sich lässig an einen Tisch lehnt und den arrogantesten Blick ablässt, den er draufhat. Hast vor deinen Augen die aufgeregte Hausfrau zur Tür hereinstürmen sehen, wie sie mit hocherhobenen Händen ihre Runden im Wohnzimmer dreht.
Und dann bekommst du dein Manuskript aus dem Lektorat zurück und alles ist Rot.
Was ist passiert?
- Deine ausgefeilten Charaktere haben alle einen Ton- und Wortklang, einen Takt in den Dialogen. Nämlich deinen. Die 80-jährige Oma von nebenan klingt wie der 17-jährige Teenie mit Akne.
- Deine Charaktere bestehen nur noch aus Sprache, ohne zu handeln und ohne Aussehen oder typisches Verhalten.
- Du hast dich stur dem Tell verschworen. Durch erklärende Inquits, Ankündigung dessen, was gleich passiert oder begleitenden Sätzen, die dem Leser nochmal im Nachgang erklären, was gerade durch den Dialog gezeigt wurde.
- PQP – Plusquamperfekt. Die vollendete Vergangenheit.
Zum ersten Punkt:
Jeder Charakter muss individuell sprechen. Gleich zu Beginn haben wir hier schon die Charaktereinführung. Ist die gut ausgefeilt, hören (!) die Leser die Stimme der Person und sehen seine Mimik und erfühlen seine Absichten, ohne dass du ins Tell verfallen musst.
Die Dialoge wirken unnatürlich. Wir sprechen nicht grammatikalisch korrekt. Wir brechen Sätze ab, fangen nochmals an, holen tief Luft, wissen plötzlich nicht mehr, was wir sagen wollten und legen kopfschüttelnd die Hand an die Stirn. Oma hat Wortfindungsstörungen. Teenies … die meisten kommunizieren entweder gar nicht oder wenigstens nicht verbal, oder sind sehr kurz angebunden. Außer es ist die Klassenbeste, die den Eltern jeden Abend ausschweifende Vorträge hält.
Zum zweiten Punkt:
Ich lektoriere täglich seitenweise Dialoge, die lediglich mit:
„…“, sage er.
„…“, nickte er. (Kein Sprechverb) unterbrochen werden.
Wenn du die Szenen schreibst, siehst du deine Charaktere in den buntesten Farben. Absolutes Kopfkino alá Hollywood. Aber der Leser nicht. Und du gönnst ihm nicht, teilzuhaben. Was passiert im Kopf der Leser? Gar nichts. Sie verfolgen, was gesprochen wird und bekommen so den Verlauf mit, aber ihr eigenes Kopfkino ist ausgeschaltet. Im besten Fall sehen sie steif im Raum stehende, gesichtslose Herren (klar, auch Frauen), die Worte austauschen.
Szenen leben von Handlungen, Geräuschen, Gerüchen, Positionen, Bildern und subtilen, zwischenmenschlichen Eigenarten. Von der Kaffeetasse, die ein wenig zu fest in den Händen gehalten wird, von der Hand in der Hose, die den Schlüssel klirren lässt. Wenn dann auch noch Logikfehler auftauchen, dass ein Mantel angezogen wird, der aus dem Nichts auftaucht, war es das. Die Leser legen das Buch weg. Das ist kein Entertainment. Trotz deiner tollen Dialoge.
Zum dritten Punkt:
Leser sind intelligent und sie möchten auch so behandelt werden. Sie möchten mitfiebern und rätseln.
„Ich bin so stinksauer, ich könnte dich …“, sagte er wütend.
Das Adjektiv ist hier überflüssig, du hast es bereits durch die wörtliche Rede gezeigt.
Steigerung:
„Ich bin so stinksauer, ich könnte dich …“, sagte er wütend. Er war wütend, weil er die Belästigung nicht mehr ertrug.
Das Warum hast du im Idealfall über Kapitel hinweg gezeigt. Diese Szene ist die Explosion, nachdem der Konflikt schon lange zuvor geschwelt und sich angeschlichen hat. Leser wollen Emotionen, keine Erklärungen.
Gute Dialoge sind harte Arbeit, denn sie beinhalten und umfassen soviel mehr. Die Basis ist – wie meistens: Show, don´t tell.
Zum vierten Punkt:
Ich höre immer wieder, wie schwierig es sei, einen Rückblick zu schreiben. Das wäre nur im Tell möglich und nur im PQP. Nein. Nicht nur nein, weil das nicht stimmt, sondern – das darf so auch nicht sein.
Die Hauptzutat sind Dialoge und Gefühle.
Gerti hat ihren Mann im Krieg verloren, der im weiteren Verlauf des Buches wieder auftaucht, dessen Kindheit jedoch maßgeblich für die Story ist. Wir steigen aber bei Gerti ein, die sich zu einem Spaziergang im Wald zwingt, um ihrer Trübsal zu entkommen. Ziel des Autors ist es, hier einen Rückblick einzuflechten – der im Tell erfolgt. Die Passage erklärt. Im schlimmsten Fall ohne die aktuelle Situation (Gerti ist traurig und geht durch den Wald) mit einzubeziehen. Das Tell erfolgt im Einkaufslistenmodus und reiht Geschehnisse auf. Nach vier Seiten kehren wir erst wieder zu Gerti zurück.
Besser:
Der Dialog! Eine Freundin taucht auf oder begleitet Gerti, die Angst hat, zu stürzen. Ein natürliches Gespräch mit Fragen und Rückfragen, Zögern und Tränen.
Gefühl und Einbindung der aktuellen Szene in die Rückschau. Gerti hebt einen Stein auf, der sie an eine Begebenheit mit ihrem Mann erinnert und an eine Phase in seiner Kindheit, als er Steine gesammelt hat. Damals war doch auch das … und das passiert. Sie kann auch mal stehenbleiben und etwas murmeln. In wörtlicher Rede. Zwischendrin Trauer und Gefühle. Effekt: Die Leser leiden mit, weil das alles lebensecht ist!

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