Dass die auktoriale Perspektive wieder so Einzug hält, finde ich sehr interessant. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Auktoriale noch selbstverständlich. Denken wir an Thomas Mann, der seinen Erzähler wie eine eigene Figur inszenierte. In der literarischen Moderne änderte sich das. Autoren wie Woolfe, Proust, Kafka und Joyce wollten weg von dieser doch steifen und distanzierten Form. Der Schlachtruf lautete: Rein in die den Kopf, in das direkte Erleben. Rebellen ihrer Zeit.
Und heute? Ist das ein Rückschritt oder eine interessante Variante? Das entscheidet jeder Künstler selbst. Der auktoriale Erzähler ist wie ein unsichtbarer Regisseur mit Superkräften. Er sieht alles, hört alles, weiß alles. Sogar das, was die Figuren selbst noch nicht wissen. Der Held will gerade heldenhaft sein? Der auktoriale Erzähler verrät dir vorher, dass der Held nicht ahnt, dass er versagen wird. Wenn er erkennbar ist. Der auktoriale Erzähler kann in vielen Formen auftreten. Verdeckt, ganz offensichtlich oder unbewusst – den Autoren.
Für viele ist dies die bequeme Schreibweise. Sie müssen sich keinen Kopf machen, schreiben einfach drauf los und nutzen auch keine auktorialen Strukturen, die erkennbar wären. Doch das Potential für Fehler ist auch hier enorm. Nicht selten höre ich auf meine Nachfragen, welche Perspektive beabsichtigt ist: “Was ist denn auktorial?”
Auktorial folgt klaren Regeln, die oftmals nicht bekannt sind. Nicht umsonst ist die Wahl der Perspektive der wichtigste Schritt, bevor die Geschichte in die Tasten gehauen wird.
Viele Leser lieben diese Perspektive. Warum? Weil sie das Gefühl schenkt, dass da jemand ist, der den Überblick hat. Jemand, der einen sicher durch das Dickicht aus Handlung, Gefühlen und inneren Monologen führt.
Also, wenn du jemanden übergeordnet erzählen lassen möchtest, was alle Figuren denken, fühlen, gegessen haben und welche Kindheitstraumata sie mit sich herumschleppen, dann wähle Auktorial.
Aber wenn du das am Anfang nicht so richtig weißt – kannst du das später noch ändern?
Können kannst du viel, aber das ist wahnsinnige Arbeit. Für dich und das Lektorat und kann sehr fehlerbehaftet sein. Auch dein Stil wird ein anderer sein. Perspektive ist inhaltliche Verantwortung, sprich die des Schreibenden und keine Baustelle, die das Lektorat schon richten wird. Leichte Ausbrüche ja, aber keine grundsätzliche Anpassung eines gesamten Manuskripts.
Nehmen wir mal ein so harmloses Wort wie „schien“:
Es schien, als habe Peter nicht die leiseste Ahnung. Dies ist die Sicht eines Protas auf die Figur namens Peter.
Auktorial: Peter hatte nicht die leiseste Ahnung.
Ja, du kannst auktorial in verschiedene Personen „hüpfen“, wie ein Geist in einen Wirt. Dann kann die Person, die gerade besetzt wird, nennen wir sie mal Martha, Peter betrachten und sein Verhalten scheint ihr, als hätte er keine Ahnung. Doch diese Übernahme sollte immer ein paar Zeilen beinhalten, bevor der auktoriale Erzähler sich eines anderen Protas bemächtigt oder wieder allwissend über allem schwebt.
Das Lektorat möchte nicht den Zeigefinger erheben, doch trotz aller Rebellion, die auch heute wieder spürbar ist, gibt es Regeln der Klarheit. Für deine Leser. Für den Lesefluss, der Logik und vieles andere.

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